Werke und Texte

Spirituelles Erwachen – Leseprobe aus
„Die siebenfältige Natur des Menschen“
 

 

Die siebenfältige Natur des Menschen (Auszug)

von Hermann Knoblauch und Bärbel Ackermann

Wohl kaum ein Thema hat die Menschen aller Zeiten immer wieder so beschäftigt und eine derart zentrale Bedeutung erlangt wie das Phänomen Leben. Um aber die faszinierenden Vorgänge, die Kräfte und Gesetzmäßigkeiten verstehen zu können, die unser Leben ursächlich regieren, ist es notwendig, den Aufbau des Menschen in seiner siebenfältigen Komplexität zu verstehen.

Mit der detaillierten Einteilung der menschlichen Prinzipien, die unsere Konstitution aufbauen, bekommt der Leser einen wunderbaren Schlüssel an die Hand, mit dem er sich selbst und seine Umwelt essenziell verstehen kann. Damit einhergehend öffnen sich ihm neue Welten, und die Sicht weitet sich gegenüber der materiellen Begrenzung durch unsere physischen Sinne zu den Regionen universaler Harmonie und kosmischen Friedens, in die wir die Unendlichkeit hindurch eingebettet sind.

Als Träger physischer, psychischer, verstandesmäßiger und geistiger Energien ist der Mensch eine Anhäufung von zusammenwirkenden Kräften wie auch von sich widersprechenden Begierden, und deshalb nimmt es nicht wunder, wenn er sich verwirrt fühlt von dem Geheimnis des eigenen Ichs. Dieses Geheimnis muss jedoch früher oder später einmal enthüllt und die alte Mahnung „Mensch, erkenne dich selbst!“ befolgt werden.

Die ursprüngliche Bedeutung der von dem Eingeweihten Paulus überlieferten Unterteilung der menschlichen Natur in Körper, Seele und Geist ist im Laufe der Zeit verloren gegangen. Die heutige allgemeine Auffassung ist die, dass zwischen Geist und Seele kaum ein besonderer Unterschied besteht, sodass mehr die Zweiheit, also die Seele und der Körper, Beachtung findet; dabei wird von der Möglichkeit gesprochen, dass die Seele beim Tode den Menschen verlässt, der Mensch also eine Seele besitzt. Die Theosophie, die Esoterische Philosophie lehrt jedoch, dass der Mensch, allgemein gesprochen, diese Seele ist, und dass er einen Körper für eine Inkarnation annimmt. […]

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Alles ist dual

Zunächst ist es offensichtlich, dass der Mensch ein zweifältiges Wesen ist. Er hat eine höhere Natur, die ihn zu edlen Taten, zu Güte und Selbstaufopferung anspornt, aber er hat auch eine andere Natur, die durch niedere Motive und Neigungen und einen außerordentlichen Egoismus gekennzeichnet ist. Wir sehen die rein physische Natur, die der Mensch mit den Tieren gemeinsam hat; aber die geheimnisvolle Stimme des Gewissens hat die moderne Wissenschaft noch nicht erklären können. Ferner besitzt der Mensch, der die Anforderungen des täglichen Lebens erfassen und verstehen kann, mentale Fähigkeiten, die zum einen als Intelligenz bezeichnet werden und zum anderen den höheren Verstand bilden.

So auch hat das menschliche Gemüt seine höhere und seine niedere Seite. Es kann konstruktiv sein, nur für höhere Ziele wirkend zum Nutzen der Allgemeinheit, der Nation, der Menschheit und der gesamten Natur, oder es kann umstürzend wirken, was sich in Kriegen, Umweltkatastrophen und schließlich auch als verheerende Seuchen auswirken kann. Außerdem gibt es in der menschlichen Konstitution jene antreibende Energie, „Begierde“ genannt, die in ihren Äußerungen hoch- oder niedrigstehend sein kann; es gibt ferner das Leben, das alles durchdringt und in dem der Mensch wie in einem Meer badet; und es gibt jenes geistige Etwas, das höher und jenseits des menschlichen Gemütes liegt und dessen Stimme das Gewissen und die Intuition sind. Die menschliche Natur ist in der Tat kompliziert, aber sie wurde zeitalterlang von jenen Weisen gründlich studiert, die durch und über das menschliche Entwicklungsstadium hinausgeschritten und daher imstande sind, sie zu verstehen. Der Entwicklung unseres jetzigen Zeitalters angepasst, gibt die Theosophie, die Esoterische Philosophie die Erfahrungen und Wahrnehmungen wieder, die diese großen Weisen aller Kulturepochen gemacht haben. Das auf ihren Aussagen beruhende umfassende und fundierte Lehrsystem basiert daher nicht auf fragwürdigen Meinungen Einzelner, vielmehr geht es aus der ewig unveränderbaren Quelle allen Seins hervor.

Ein universal anwendbarer Schlüssel: die Siebenfältigkeit

Die Lehren über die Siebenfältigkeit des Menschen sind der überlieferten Weisheit der Zeitalter und zum Teil der östlichen Tradition entnommen, und die ihr eigenen Sanskritausdrücke geben sehr genau die Bedeutung der einzelnen Prinzipien an. Sie wurden aus dem Grunde übernommen, weil europäische Sprachen keine Worte mit ihnen entsprechender Bedeutung haben, es ist also lediglich eine Umschreibung möglich. „Ein eingehendes Studium dieser Sanskritausdrücke ist daher von besonderem Wert.

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Diagramm 1

Diagramm 1

1. Âtman
Das höchste Prinzip, Âtman, ist von universellem Charakter und kann als jenes Kettenglied betrachtet werden, das die Prinzipien mit dem Herzen des Universums, dem geistig göttlichen Ursprung, verbindet.

2. Buddhi
Das zweite Prinzip, Buddhi, übermittelt uns spirituelles Bewusstsein, die Erkenntniskraft, die höchste Kraft des Verstehens. Zu aktiver Wirksamkeit und zur Manifestation gebracht, ist es das Prinzip, das hoch evolvierte Menschen zu Genies oder Buddhas macht.

3. Manas
Das dritte Prinzip, Manas, ist das eigentlich menschliche Prinzip, das Denken. Es ist auf unserer derzeitigen Evolutionsstufe jedoch erst teilweise zur Wirksamkeit gekommen. Daher wird es in höheres (reinkarnierendes Ego) und niederes Manas (persönliches Ego) unterteilt.

4. Kâma
Kâma bedeutet soviel wie Wunsch oder Begierde. Es ist die treibende Kraft, die an sich jedoch farblos, also weder gut noch schlecht ist. Sein Charakter richtet sich beim Menschen danach, wie das Denkvermögen (Manas) die Richtung angibt.

5. Prâna
Das fünfte Prinzip, Prâna, bezeichnet die Lebenskraft, die Vitalität. Es wird hier als allgemeiner Ausdruck benutzt.

6. Linga-sarîra und 7. Sthûla-sarîra
Das sechste Prinzip, Linga-sarîra, ist der Astral- oder Modellkörper. Er ist das Muster oder das Modell, nach dem der Sthûla-sarîra – der physische Körper – aufgebaut wird. Die astrale Substanz unterscheidet sich in nur verhältnismäßig geringem Maß von der physischen. Weil ein stofflicher Körper ohne das astrale Modell nicht existieren kann, bilden diese beiden Prinzipien zusammen die körperliche Seite der menschlichen Konstitution.

Um zu einem leichteren Verständnis der sieben Prinzipien zu kommen, können diese gemäß der Einteilung des Paulus in Körper, Seele und Geist angeordnet werden (siehe Diagramm 1).

Überaus wichtig ist es auch, zu verstehen, dass jedes der Prinzipien wiederum, für sich genommen, zweifach oder dual ist, es hat seine höheren und seine niederen Aspekte. Bei Manas, dem Denkvermögen oder Gemüt, muss auf diese Tatsache jedoch besonderer Nachdruck gelegt werden, weil der Mensch mit diesem Prinzip ein Instrument besitzt, das für seine Willensäußerungen bestimmend ist und das ihn deutlich von den niederen Reichen der Natur – auch den Tieren – unterscheidet. Diese beiden Aspekte sind hier in das höhere und das niedere Manas unterteilt worden (siehe Diagramm 1).

Die Lehren über die Siebenfältigkeit der menschlichen Natur geben eine deutliche Erklärung für die verschiedenartigen und zum Teil sich widerstreitenden Gefühle, denen wir unterworfen sind. Sie bringen die Erkenntnis darüber, welche Prinzipien und Kräfte in unseren Gedanken und Taten vorherrschen, wenn wir „außer uns“ sind oder wenn wir „uns selbst vergessen“. Wenn wir Gedanken hegen oder Handlungen verrichten, über die wir im Nachhinein selbst verwundert sind, sodass wir uns dann fragen, wie es dazu kam, dann zeigen uns die Aufstellung und die Diagramme, dass alle Möglichkeiten in den Prinzipien, also in uns selbst, vorhanden sind. Verliert unser kontrollierendes Bewusstsein zeitweilig die Herrschaft über die niederen Aspekte, so übernehmen diese die Rolle des Meisters anstelle der ihnen zukommenden Rolle des Dieners.

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Wirklichkeit und Illusion

Die Theosophie lehrt, dass die Individualität, das „Höhere Selbst“ (siehe Diagramm 1: der Geist, oder auch Âtman, Buddhi und höheres Manas), der wirkliche, der unsterbliche Teil der menschlichen Konstitution ist, der sich für die Manifestation in der stofflichen Welt – infolge von Reinkarnation oder Wiedergeburt – des Niederen Selbstes, der Persönlichkeit oder Maske bedient (siehe Diagramm 1: niederes Manas und Kâma).

[…]

Die Ausrichtung des Bewusstseins auf das Höhere Selbst ist der Weg, der durch Erkenntnis zu Wahrheit führt. Die Persönlichkeit, die niedere Natur, muss von ihrer herrschenden Position verdrängt werden, denn sie ist die Ursache für die vielfältigen persönlichen Meinungsverschiedenheiten. Solange dieser Weg nicht beschritten wird, besteht keine Aussicht auf den so notwendigen Frieden. Machtstreben, Besitzgier und Streit werden durch die Betonung der Persönlichkeit und der Menschenrechte sowie aus Unkenntnis der Menschenpflichten weiterhin ihre Herrschaft ausüben.

Die äußere Erscheinungswelt ist mit einem Projektionsschirm vergleichbar, auf dem der Film des Lebens abläuft. Die Persönlichkeit ist die Linse, über die der Filmstreifen läuft, das Bewusstsein ist der Zuschauer, und hinter diesem steht der universale Lichtbrunnen, durch den die Bilder auf dem Projektionsschirm zum Leben erweckt werden und dem sie ihr schattenhaftes Dasein verdanken. Der universale Lichtbrunnen ist der gemeinsame „eine universale Ursprung“, der alle Wesen zu der einen „universalen Bruderschaft“ vereinigt.

Indem wir uns diesem inneren Licht zuwenden, lernen wir auch, wahre Lehren von falschen zu unterscheiden, weil dieses Licht die Wahrheit selbst und der Brunnen aller Erkenntnis ist.

[…]

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier

Das außerordentlich wichtige Denkprinzip (Manas), das den Menschen erst zum Menschen macht, wird nebst einem anderen, sehr wichtigen Bestandteil, der Begierde oder dem Wunsch (Kâma), die den mittleren Teil der menschlichen Konstitution bilden, von den Verfechtern des Darwinismus völlig außer Acht gelassen. Es ist das „fehlende Glied“, nach dem die Wissenschaft bisher vergeblich sucht.

Das Denkprinzip ist zweifach, es hat einen höheren und einen niederen Teil; der niedere oder der Gehirnintellekt ist nur relativ unsterblich. Er kann die Achse genannt werden, um die sich die Evolution in die eine oder die andere Richtung dreht.

Die Seele – der lernende, menschliche Teil

Dieser aus dem Denkprinzip und dem Verlangen bestehende mittlere Teil der menschlichen Konstitution ist das, was wir allgemein als Seele bezeichnen. Sie ist der sich entwickelnde, wachsende Teil, auf den sich das Leben auf diesem Planeten konzentriert. Die Wahl zwischen dem sogenannten „Guten“ und dem „Bösen“, die Möglichkeiten zum Wachstum nach oben oder zum Stagnieren und Abwärtsgehen sammeln sich in diesem mittleren Teil. Die Anziehung erfolgt in beiden Richtungen. Es ist der Gebrauch des freien Willens in Gedanken und Handlungen in die eine oder die andere Richtung, der die Zukunft nicht nur des Menschen bestimmt - und der entscheidet, ob dieser sich zu spirituell-göttlicher Erhabenheit erhebt und „eins mit seinem Vater im Himmel“ wird oder ob er auf eine tiefere, niedrigere Stufe hinabsinkt. Das eine bedeutet unaussprechliche Seligkeit, tiefgehendes Verstehen und Mitgefühl für alles, was lebt; das andere führt zu einem seelischen Abstieg, der, wie die Christen sagen, zur Hölle führt.

Vom „Ich bin ich“ zum „Ich bin“

„Sich selbst vergessen“ bedeutet, das Persönliche und Begrenzte beiseite zu stellen. Nur so können wir unseren Mitmenschen wie auch der gesamten Natur helfen und unser eigenes Umfeld sowie unsere Umwelt positiv beeinflussen. Dies ist die höhere Seite unserer menschlichen Natur, die durch Selbstlosigkeit zum Ausdruck gebracht werden kann und unser Leben fortwährend beherrschen sollte: die höhere menschliche Seele, durch die auch das spirituelle, intuitive Bewusstsein zum Ausdruck gebracht werden kann.

Die hierin enthaltene, äußerst wichtige Erkenntnis ist, dass wir erst dann wirkliche Menschen im Sinne von „Menschsein“ sind, wenn sich unser spiritueller Teil ständig in aktiver Tätigkeit befindet und wenn sich unser Bewusstsein über das „Ich bin ich“ zu dem unpersönlichen „Ich bin“ erhoben hat. […] Haben wir diese Stufe der Erkenntnis erreicht, sind wir imstande, die Einheit aller Wesenheiten, die das sichtbare wie das unsichtbare Universum durchdringen, zu erfahren und dementsprechend verantwortungsbewusst zu handeln. Das Ziel unseres Lebens sollte es sein, immer mehr das spirituelle Bewusstsein zum Ausdruck zu  bringen, und unsere Bestrebungen sollten darauf gerichtet sein, in ständig wachsendem Maße in den höheren, edleren Aspekten unserer Natur zu leben. […]

Aus: Gottfried von Purucker: Spirituelles Erwachen. Die siebenfältige Natur des Menschen. Auszug, S. 25–42, Hannover 2013.

Gottfried von Purucker: Spirituelles Erwachen

Gottfried von Purucker:
Spirituelles Erwachen

ISBN 978-3-924849-67-2 (Paperback)
ISBN 978-3-924849-68-9 (Hardcover)
 

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