Werke und Texte

Spirituelles Erwachen –
Leseprobe aus „Das Erbe des Menschen“
 

 

Nirgends in der Unendlichkeit gibt es Zufall. Alles ist Ausdruck von Gesetz und Ordnung. Wir sind verantwortlich für das, was wir denken und was wir tun. Und was wir denken und tun, das werden wir auch ernten – wir ernten nur das, was wir säen. Wir selbst sind somit ebenfalls die Folge von karmischer Handlung und Wirkung. [d. Hrsg.]

Das Erbe des Menschen ist der Mensch selbst. Jeder Mensch ist der Erbauer seiner selbst und ebenso auch sein Zerstörer. Jeder Mensch ist sein eigener Erneuerer und Erlöser, und der Mensch selbst kann das Werk vernichten, das er sich in den Äonen der Vergangenheit aufgebaut hat. Diese Behauptung mag fremd klingen, schwierig zu verstehen sein, und doch frage ich mich, ob jemand eine so selbstverständliche Wahrheit bezweifeln könnte oder möchte. Ist es nicht ganz offensichtlich, dass ein Mensch das ist, was er ist? Und dass das, was er ist, das Ergebnis seiner früheren Leben ist, die Folge seiner Gedanken und Taten, das Resultat seines früheren Wollens, Denkens und Fühlens? Wir gestalten uns selbst, wir gestalten unseren Charakter selbst.

Dies ist eine allgemeine menschliche Erfahrung. Doch denken wir darüber nach, was es bedeutet, dies in seinem ganzen Umfang zu begreifen. Wir gestalten unser Leben von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Leben zu Leben entweder harmonisch, oder wir machen es uns selbst widerwärtig. In dem einen Fall kann niemand anders gelobt und in dem anderen Fall niemand anders getadelt werden als wir selbst. Erkennen wir, wie gerecht dies ist. Wir müssen niemand und nichts außerhalb von uns tadeln, wenn wir uns abstoßend und unharmonisch gemacht haben und voller Kummer und Schmerzen sind. Und niemand anders als wir selbst ist zu loben, wenn unser Leben durch eigene Anstrengungen harmonisch und wohlgestaltet verläuft. Ein Mensch kann durch sein Denken seinen Charakter verändern. Das bedeutet, dass er seine Seele und sein Schicksal ändert, und das bedeutet auch, dass er alles das ändert, was er ist und sein wird – in der Gegenwart und in der Zukunft. Warum tadeln wir Andere für unsere eigenen Fehler und für unsere Anlagen, die wir selbst geformt haben, warum geben wir einem Anderen die Schuld? Das ist der sicherste Weg, abwärts anstatt aufwärts zu gehen. Die Erkenntnis dieser Wahrheit und der ihr zugrunde liegenden Gerechtigkeit sowie das Wissen um die eigene Verantwortung sind der erste Schritt, um auf dem Pfade des Lebens höher zu steigen – welch eine Hoffnung liegt darin! Denken wir an die Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, an das Unrecht, das wir Anderen und uns selbst zugefügt haben. Doch es ist nur die eine Hälfte, wenn wir sagen, dass wir uns selbst gestaltet haben und dass wir für uns selbst verantwortlich sind. Die andere Hälfte ist: Was haben wir Anderen zugefügt, was haben wir dazu beigetragen, ihr Leben angenehm oder schwer zu machen?

Die Erkenntnis, Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern ebenso auch für Andere zu tragen, ist der verlorene Schlüssel unserer modernen Zivilisation. Die Menschen scheinen von der Vorstellung betört zu sein, dass die Dinge von selbst ihren Lauf nehmen und dass alles, was sie tun müssen, darin besteht, so viel wie nur irgend möglich zu ihrem eigenen Nutzen zu gewinnen. Das ist eine verwerfliche Ansicht, die als Ernte nur Elend hervorbringen kann. Wir müssen erkennen, dass wir das, was wir säen, auch ernten werden und dass wir das, was wir ernten, auch selbst gesät haben. Dann werden wir das Antlitz der Erde sich wandeln sehen. Jeder Mensch wird nicht nur sehr stark auf seine eigenen Taten achten, die sich als Beweise seiner Gedanken und Gefühle zunächst auf ihn selbst auswirken, sondern – und das ist wesentlich wichtiger – auch darauf, welche Wirkungen er auf Andere ausübt. Der Mangel an dem Gefühl der individuellen und kollektiven Verantwortlichkeit in der heutigen Welt ist die Ursache für die vielen, vielen Gräuel, die ständig zunehmen, anstatt abzunehmen. Er begünstigt den Glauben, dass Gewalt Unrecht wiedergutmachen kann, doch dies ist nicht möglich. Gewalt kann niemals durch Gewalt ausgelöscht werden. Kein Problem wurde jemals auf diese Weise gelöst. Es ist gegen die Gesetze des Seins, gegen die herrschenden Gesetzmäßigkeiten. Indem wir über sie nachdenken, werden wir sie selbst erkennen. […]

Aus: Gottfried von Purucker: Spirituelles Erwachen.
Das Erbe des Menschen. Auszug, S. 50 ff, Hannover 2013.

Gottfried von Purucker: Spirituelles Erwachen

Gottfried von Purucker:
Spirituelles Erwachen

ISBN 978-3-924849-67-2 (Paperback)
ISBN 978-3-924849-68-9 (Hardcover)
 

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