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Mysterienschulen und Lehren

 

Mysterienschulen

Der Ursprung der Mysterienschulen geht weit zurück in eine Zeit, die jenseits der Epochen uns bekannter Hochkulturen liegt. Gottfried von Purucker stößt in dem folgenden Auszug ein Tor auf zu unserer über eine Jahrmillionen zurückreichenden Vergangenheit – unserer fast vergessenen Vergangenheit!

Die Bruderschaft der großen Seher und Weisen, die von den Schülern der Esoterischen Philosophie auch häufig Mahâtmans, Meister oder Ältere Brüder genannt werden, die Bruderschaft jener hoch entwickelten spirituellen Eingeweihten in die Wahrheiten, Tatsachen und Geheimnisse des Universums, von denen in den letzten Kapiteln des vorliegenden Werkes ziemlich ausführlich die Rede war, hat seit einer für abendländisches Denken unvorstellbaren Zeit existiert. Diese große Bruderschaft oder Vereinigung könnte auch eine Universität genannt werden – die alten Römer hätten ihr zweifellos den Namen „collegium“ gegeben, worunter sie eine Gesellschaft oder eine Vereinigung von Menschen verstanden, die sich zu einem gemeinsamen Zweck zusammenschlossen und sich von gemeinsamen Idealen und esoterischem Wissen leiten ließen.

Dieser Bruderschaft ein unvorstellbares Alter beizumessen, ist offensichtlich eine ganz allgemeine Aussage. Sie beantwortet in keinem Sinn präzise und bestimmt die sehr natürliche Frage: Wie lange existiert diese Bruderschaft tatsächlich schon? Die Antwort könnte in kurzer Form etwa folgendermaßen lauten: Diese Bruderschaft oder Universität besteht als eine mehr oder weniger freiwillige Vereinigung von Mahâtmans oder hohen Adepten seit vielen Millionen Jahren hier auf unserem Globus Erde und sicherlich nicht für eine kürzere Zeitspanne als zwölf Millionen Jahre, mit anderen Worten, seit dem Anfang oder dem Erscheinen der großen Haupt- oder Wurzelrasse der Menschheit auf Erden, die unserer gegenwärtigen fünften Wurzelrasse vorausging. Diese Adepten standen unter der direkten Inspiration und Leitung, der Belehrung durch ihren Hierarchen, dem der alte esoterische Name „Mahâguru“ gegeben wurde.

Die Individuen dieser vorausgegangenen vierten Wurzelrasse, die während der Millionen Jahre ihres Daseins als Rasse viele verschiedene Unterrassen umfasste, die ihrerseits in Familienrassen und kleinere rassische oder nationale Einheiten aufgeteilt sind, werden in der Esoterischen Philosophie technisch „Atlantäer“ genannt. Sie haben sich nicht etwa selbst „Atlantäer“ genannt, sondern die verschiedenen unterrassischen Einheiten oder Stämme, die in ihrem Aggregat die vierte Wurzelrasse bildeten, gaben sich Namen, die der Geschichte seit Äonen verloren gegangen sind. Es wird zwar in gewissen, noch erhaltenen Werken der ältesten Weltliteratur auf sie Bezug genommen, doch die verwendeten Namen oder Titel werden in den Augen aller modernen Gelehrten nur als Bezeichnung für berühmte mythologische Persönlichkeiten anerkannt – als Grundtypen für Wesen aus lang vergangenen Zeitaltern. … Den Namen Atlantäer haben sie deshalb erhalten, weil der größte Brennpunkt ihrer Zivilisation, d. h. geografisch gesprochen ihre hauptsächliche kontinentale Heimat, in der die größere Anzahl ihrer verschiedenen Unterrassen lebte, blühte und unterging – dort existiert hat, wo jetzt die sturmgepeitschten Wogen des Atlantischen Ozeans eintönig dahinrollen.

Die atlantäische Rasse erreichte den Höhepunkt des materiellen Glanzes ihrer Zivilisation und ihren materiellsten Fortschritt vor etwa vier oder fünf Millionen Jahren. Jede Wurzelrasse ist durch ihre eigene charakteristische Evolution sowohl auf intellektuellen als auch auf psychischen Gebieten gekennzeichnet. Das Hauptmerkmal aller atlantäischen Völker war der Materialismus in seinen verschiedenen Formen und Ausdrucksweisen. Materielle Dinge wurden höher verehrt als spirituelle. Beweise und Wirkungen dieser dunklen, finsteren Anbetung waren überall und zu allen Zeiten unübersehbar. Nachdem der für die atlantäische Zivilisation kennzeichnende Mittelpunkt erreicht war, ist Materialismus und nicht Spiritualität der erklärte und anerkannte Glaube und das Ideal aller ihrer verschiedenen Unterrassen gewesen, und zwar ein Materialismus, der mit einer vorsätzlichen Ausübung stofflicher wie auch psychischer Magie verbunden war.

Zu jener fernen Zeit war die gesamte Erde in Theorie und Praxis so materialistisch geworden, so in das Leben der Materie hinabgesunken, dass das Flüstern des Geistes im Menschen, das Flüstern seines inneren Gottes, die menschliche Seele nicht mehr leicht erreichte. Auch wenn es im Verlauf der langen Zeitalter, die während des Aufstiegs und Verfalls der verschiedenen atlantäischen Zivilisationen vergingen, Gruppen und Individuen gab, die aufrichtig und ernsthaft das Leben des Geistes kultivierten, so waren doch die Massen, die große Mehrheit der Menschen, die die individuellen Einheiten der atlantäischen Volksstämme zusammensetzten, eifrige Anhänger und oft tatsächlich Anbeter der dunklen, üblen Mächte, die die Schattenseite der Natur bilden.

Die Atlantäer waren ein wirklich außergewöhnlich intelligentes Volk. Sie waren bei Weitem intelligenter als wir von der arischen oder fünften Wurzelrasse, doch diese Intelligenz war von einer gänzlich materiellen und oft böswilligen Art. Sie stellten die Materie und ihre Kräfte sowie deren Erzeugnisse über den Geist und dessen Licht und beteten die Erstere an. Nachdem sie einen wirklichen Höhepunkt an Glanz und Ruhm erreicht hatten – der zwar von gänzlich materieller Art, aber bedeutender war als alles, was unsere gegenwärtige fünfte Rasse bis jetzt erreicht hat –, wurden sie bei ihrem rasanten Absturz in universale Zauberei nur durch die unaufhörlichen Anstrengungen gewisser Wesen gerettet, die als wahrhaft inkarnierte Gottheiten und Halbgötter bezeichnet werden können. Diese Großen sowie ihre Anhänger, deren es insgesamt viele gab, aber doch außergewöhnlich wenige im Vergleich zu den atlantäischen Massen, gründeten schließlich zu einer Zeit, als übles Treiben und spirituelle Verderbtheit ihren Höhepunkt erreicht hatten, zur Rettung der Vielen und zwecks Einweihung der wenigen für würdig Befundenen die erste echte spirituelle Mysterienschule auf Erden. Dies geschah – geologisch gesprochen –, kurz bevor die atlantäische Rasse in ihr rassisches Verderben versank, das sie durch ihr übles Handeln selbst herbeigeführt hatte.

Diese Schulen wurden nicht nur zu dem dargelegten Zweck gegründet, sondern auch, um die Weisheitslehren der Götter an die nächste große, in Entstehung begriffene Wurzelrasse weiterzugeben, an die fünfte Wurzelrasse, zu der auch wir gehören. Die Mysterienschulen wurden äußerst sorgfältig vor spiritueller Vergiftung und – soweit wie möglich – auch vor unwürdiger Mitgliedschaft behütet, und zwar so sehr, dass in späteren Zeitaltern, im Einklang mit dem materialistischen atlantäischen Geist stehend, selbst der unbewusste Verrat der in den Mysterienschulen ausgegebenen Lehren mit dem Tod bestraft wurde. Eine derartige Methode, die Heiligkeit und Geheimhaltung der Mysterienlehren zu gewährleisten, war vollkommen falsch, aber typisch atlantäisch und symbolisch für den atlantäischen Geist: unbeugsam, von grausamem Impuls, machtvoll im Handeln. Sie war typisch für die Zeit, in der das sanfte Atmen des Geistes mit seinem verfeinernden Einfluss nicht mehr als Balsam zur menschlichen Seele herabkam, um zu heilen, zu lindern und innere Gesundheit zu bringen. Zu dieser späteren Zeit wurde sogar die Macht angebetet, und alle im Wesentlichen aus Materie bestehenden Dinge wurden noch mehr oder weniger vergöttert.

Doch dies darf nicht verallgemeinert und als universell zutreffend für alle Mysterienschulen angesehen werden. Nach der Einführung der ersten Mysterienschule gab es viele andere: einige wenige haben sich bis auf den heutigen Tag etwas von ihrer Spiritualität bewahrt; andere, die schon sehr früh degenerierten und deren Namen jetzt nicht einmal als Erinnerung im Gedächtnis der Menschen fortleben, starben den Tod, den sie verdient hatten; wieder andere, von einem mittleren Typ, bestanden eine Zeit lang, bis sie nicht mehr die Sitze weißer Magie menschlichen Geistes waren, sondern zu Schulen schwarzer Magie wurden. Sie lebten so lange, wie die verletzten Naturgesetze sie ertragen konnten.

Einige dieser Mysterienschulen überlebten jedoch bis weit hinein in die fünfte Wurzelrasse, und eine von ihnen, jene, die seit Anbeginn die größte war, lebt sogar heute noch: die Bruderschaft der Meister oder Mahâtmans.

So entstanden die offiziellen und regulär eingesetzten Mysterienschulen also schon viele Hunderttausende von Jahren, bevor die große atlantäische Rasse in verderbliche Schwäche versank, die zu ihrem endgültigen Untergang führte. Folglich haben die Mysterienschulen, wie zuvor schon angedeutet wurde, etwa vier bis fünf Millionen Jahre unter der Vollmacht und sorgsamen spirituellen Oberaufsicht der Großen existiert, die auch heute noch die spirituellen Führer und Beschützer der törichten Menschen sind. Wenn in dieser oder jener oder einer anderen Unterrasse Gemüt und Herz der Menschen erkennen ließen, dass sie für das Einpflanzen von Samen der Wahrheit wirklich bereit waren und dass zumindest einige wenige wirklich dafür aufgeschlossen waren, das Licht der Welt zu hegen, zu pflegen und zu nähren, dann breiteten sich die Mysterienschulen in der äußeren Welt gleichsam wie Zweige der großen Bruderschaft aus. Zu anderen Zeiten, wenn im Lauf der zyklisch wiederkehrenden Zeitalter Perioden spiritueller Unfruchtbarkeit, wie Plato sie nannte, über die Menschen hereinbrachen, wurden die Mysterienschulen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und verborgen gehalten. Zeitweise waren sie sogar völlig geheim und nur denjenigen bekannt, deren Gemüt sich aufgrund spiritueller, intellektueller und psychischer evolutionärer Entwicklung zu diesen Schulen hingezogen fühlte, und aus dem gleichen Grund fühlten sich auch die Lehrer dieser Schulen zu diesen damals ungewöhnlichen Menschen hingezogen. Somit wurden nur diejenigen, die dem Flüstern des innewohnenden Geistes ein ernstes, sehnsüchtiges Gehör schenkten und eine Intuition davon besaßen, dass erhabene Wahrheit in der Welt zu finden ist, deren inneres Auge geöffnet und deren Herz nicht so sehr aus Stein war wie bei der großen Menge, nur diese wurden als Schüler oder Chelas angenommen.

Doch während aller Zeitalter waren die Mysterienschulen, ob sie nun ganz oder teilweise geheim oder mehr oder weniger allgemein bekannt waren, die Quellen oder Brennpunkte, von denen aus die Impulse und das führende Licht zu den Massen der Menschen gelangten und die die Zivilisationen der verschiedenen Epochen aufgebaut haben. Aus diesen Schulen ging alles das in die Welt hinaus, was von bleibendem Wert war. Aus dem Geheimwissen dieser Mysterienschulen gingen in den verschiedenen Zeitaltern und in den unterschiedlichen Teilen des Erdballs die Lehren hervor sowie auch jene Menschen, die diese Lehren verkörperten und erläuterten, die den alten Zivilisationen ihren strahlenden Glanz verliehen. So ist es von den fernsten Epochen der selbstbewussten menschlichen Rasse an bis hinab in die neueren Zeiten der Menschheitsgeschichte gewesen.

Aus diesen Schulen ging alles das hervor, was Rom in Bezug auf Gesetz und Ordnung groß gemacht hat, und auch alles das, was sowohl in den Kulturen Babylons, Ägyptens und Hindustans bedeutend und schön war als auch in jener noch geheimnisvollen Reihe rassischer Zivilisationen, die in den westlichen Teilen der europäischen Länder existiert haben: bei den alten Völkern Nordeuropas sowie bei den alten Galliern und Briten mit ihrer Druidenweisheit.

Gottfried von Purucker: Mysterienschulen und Lehren

Gottfried von Purucker:
Mysterienschulen und Lehren

ISBN 978-3-924849-38-2

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