Werke und Texte

Mit der Wissenschaft hinter die Schleier
der Natur

 

Teil 2: Die Illusion der Materie

Die interessanteste Schlussfolgerung, die aus den vorausgehenden Überlegungen (Teil 1: Das bohrsche Atommodell) abgeleitet werden kann, ja, abgeleitet werden sollte, ist die – wie auch die Esoterische Philosophie seit undenklichen Zeiten gelehrt hat –, dass die physischen Erscheinungen der Dinge nur vergängliche „Ereignisse“, illusorische und flüchtige Episoden auf und in jenem besonderen kosmischen Raum des Sonnensystems sind, den wir unsere physische Welt nennen. Diese physische Welt besteht tatsächlich hauptsächlich aus „Löchern“ oder sogenannten, und zwar fälschlich sogenannten, „leeren Räumen“ oder ist aus ihnen gewoben. Wir sagen nur darum „leer“, weil unsere physischen Sinne, wie zum Beispiel die Organe des Sehens und Tastens, dahingehend entwickelt sind, lediglich Dinge von physischer Materie wahrzunehmen und zu melden. Sie sagen uns jedoch nichts von den inneren, unsichtbaren, weil hochgradig ätherischen Welten, Sphären und Reichen, die unter dem einen Ausdruck „ätherische Räume“ oder „leere Räume“ zusammengefasst werden.

Wahrscheinlich könnten die wirklichen, sogenannten festen physischen Einheiten, die den substanziellen Teil des physischen Körpers bilden - wir können sie Protonen, Elektronen und so weiter nennen –, wenn sie sich dicht versammeln und wir die „leeren Räume“ auf einer Seite lassen, auf ein Volumen, das wenig größer ist als ein Stecknadelkopf, zusammengepresst werden. So wird sofort ersichtlich, dass, soweit bloßes Volumen oder räumliche Ausdehnung infrage kommt, auch unser physischer Körper in Bezug auf seine Masse wirklich wahre Illusion ist. Für uns jedoch ist er sehr wirklich, weil unsere Sinnesorgane in dieser Welt der „massiven“ Illusion leben.

Wie Kräfte der Abstoßung totale Illusion erzeugen

Um ein Beispiel zu geben: Ich besteige eine Eisenbahn und setze mich hin. Mein Körper berührt den Sitz, übt anscheinend einen Druck auf ihn aus und deformiert ihn physisch. Der Sitz ist an dem Gestell des Wagens festgeschraubt, und zwar in dem Holzwerk, das auf dem Metallgestell ruht, das seinerseits auf den Rädern lastet, die über die Stahlschienen laufen. Die Schienen liegen auf dem Erdboden fest, und die Erde ist aus mannigfaltigen Partikeln des Erdbodens, Steinen und Sonstigem, aufgebaut. Doch besteht an keiner Stelle in unserem Bild ein absoluter physischer Kontakt zwischen zwei dieser Stufen.

Ich berühre den Platz, auf dem ich sitze, nur scheinbar. Tatsächlich berührt ihn kein Partikel meines Körpers: Die Elektronen der Atome, aus denen mein Körper besteht, werden von den elektronischen Vibrationen der Atome, aus denen sich der Sitz zusammensetzt, abgestoßen. Der Sitz ist in das Holz des Abteils des Eisenbahnwagens eingeschraubt; diese Schrauben aber berühren das Holz nicht wirklich, obwohl sie es durchbrochen haben. Das Holz wiederum ist an den metallenen Körper des Wagens angeklammert. Uns erscheinen diese aneinandergeklammerten Glieder dicht und fest und unbedingt miteinander in Berührung stehend; faktisch aber berührt nicht ein einziges Partikel dieses Holzes den Stahl. Die stählerne Karosserie ruht auf den Radachsen, doch nicht ein Partikel dieses lastenden Stahls berührt die metallene Substanz der Räder tatsächlich oder befindet sich mit ihnen in absolutem physischen Kontakt. Während die Räder auf den Schienen entlangrollen, berühren sie in Wirklichkeit die Gleise überhaupt nicht; sie rollen auf den Elektronen oder auf dem Äther. Jedes Partikel des Rades, welches die Schiene zu berühren scheint und umgekehrt, besteht aus elektronischen und anderen negativ oder positiv geladenen Partikeln, die sich voneinander abstoßen. Man nimmt an, die Schienen ruhen fest auf der Erde, doch auch hier trifft die schon angegebene Tatsache zu: die Schienen befinden sich nicht in absolutem Kontakt mit der Erde. Die Erde selbst besteht aus verschiedenen elektronischen und anderen Stoffen, und doch hat nicht ein einziger mathematischer Punkt irgendeines dieser Materialien absoluten physischen Kontakt mit irgendeinem anderen; sie werden durch elektrische Kräfte der Abstoßung voneinander gehalten, die den Elektronen, Protonen usw., aus denen die Atome aufgebaut sind, innewohnen. Wie illusorisch ist doch die Welt, in der wir leben!

Materie ist nicht das, was wir sehen

Hieraus ersehen wir ein wenig, was „Materie“ ist: Sie besteht erstens aus atomaren Kräften oder Vibrationen sowie auch aus dem Ausbalancieren dieser Kräfte untereinander; zweitens wirkt sie in offenen Räumen, die relativ gesehen ebenso gewaltig groß sind wie diejenigen, die das Sonnensystem und das um unsere physische Erde befindliche Universum bilden. Daher ist „Materie“, so wie wir sie wahrnehmen, wirklich eine Illusion, denn erstens sehen wir sie nicht so, wie sie ist, und zweitens, da wir sie nicht so sehen, wie sie ist, bilden wir uns ein, sie sei etwas, was sie nicht ist.

Billionen Umkreisungen in einer Sekunde

Betrachten wir einmal den Aufbau eines Wasserstoffatoms, des einfachsten der bekannten Atome der Naturwissenschaft. Das Wasserstoffatom besteht aus zwei elektrischen Partikeln, einem positiven, Proton genannt, das der Theorie nach die zentrale Sonne des Atoms ist, und aus einem negativen Partikel, Elektron genannt, das der atomare „Planet“ ist, der mit unvorstellbarer Geschwindigkeit um seinen zentralen Kern oder das Proton herumwirbelt. Es soll einige Billionen Mal – wie die Wissenschaftler sagen – in der kurzen Zeitspanne einer menschlichen Sekunde in seiner Bahn um seine atomare Sonne kreisen. Was ist das Ergebnis? So winzig, so infinitesimal dieses wirbelnde Elektron auch ist, so ist seine Geschwindigkeit doch so groß, dass wir, wenn wir die Macht hätten, unseren Finger daran zu halten oder auch nur versuchten, es zu berühren, einen Widerstand fühlen würden. Dieser entsteht durch die enorme Schnelligkeit des wirbelnden Elektrons um seine zentrale Sonne, und er bildet gewissermaßen eine Spur in etwas Festem, einen Gürtel oder eine Schale, die dann von unseren physischen Sinnen als etwas äußerst Greifbares empfunden werden würde. Wir würden es als „Materie“ empfinden, und doch ist diese „Materie“ nur eine Ladung negativer Elektrizität, mit anderen Worten, Kraft.

Was ist Materie wirklich?

Wir können uns wirklich fragen: Was ist Materie? Was ist die materielle Seite des Seins? Wir wissen jetzt, dass „Materie“ hauptsächlich aus Löchern besteht; sie besteht hauptsächlich aus Hohlräumen, aus „Leere“. Es ist offensichtlich, dass wir, wenn wir unser Sonnensystem betrachten, sehen, dass der größere Teil desselben sogenannte Leere oder Raum ist. Die Sonne und die Planeten bilden nur einen kleinen Teil des Raumes innerhalb seiner Grenzen, was gemäß der Atomtheorie ebenso auf das Atom zutrifft. Die protonische Sonne und die elektronischen Planeten sind nur ein sehr kleiner Teil des Raumes, den das Atom bildet. Und doch ist die gesamte physische Materie, gleich welcher Art, aus diesen „leeren Atomen“ aufgebaut, vom ätherischen Gas bis zum festen Metall. Wahrlich, unsere physische Welt ist essenziell eine unreale Welt, eine illusorische Welt.

Arthur Stanley Eddington, 1882–1944
Arthur Stanley Eddington,
1882–1944
Eddington gibt in seinem Buch The Nature of the Physical World eine bewundernswert formulierte Übersicht über die moderne wissenschaftliche Auffassung von der physischen Materie, wobei er darauf hinweist, dass von modernsten wissenschaftlichen Spezialisten die „Materie“ in Energie-Punkte aufgelöst worden ist, die in einer Leere existieren. Während Professor Eddington so von einem „Leerraum“ spricht, der mit sporadisch verstreuten Atomen angefüllt ist, ruft er in ganz seltsamer Weise das ins Gedächtnis zurück, was die alten griechischen Theoretiker der atomistischen Philosophenschule gelehrt haben, eine Schule, die von Leukippos und Demokrit gegründet worden sein soll, und diese lehrten, dass die „Ultimata“ (letzte Bestandteile) aller Dinge Atome und leerer Raum seien. Aber ihre Lehren sind von modernen Menschen nie richtig verstanden worden. Sie verstanden unter „to kenon“ – dies sind die griechischen Worte, die meistens mit „Vakuum“ oder „Leerraum“ übersetzt wurden – nicht das, was unter diesem Wort in heutiger Zeit verstanden wird: äußerste oder absolute Leere. Sie meinten ein Nichtvorhandensein von Materie, die der Wahrnehmung durch die Sinne des Menschen zugänglich ist. Die wirkliche Grundlage ihrer Idee war die Existenz eines ätherischen Feldes oder Meeres im Raum – wenn richtig verstanden: RAUM an sich –, das im Vergleich zu der Grobheit der illusorischen physischen Materie die „Leere“ genannt wurde.

In modernen Zeiten ist diese ätherische kosmische Substanz gewöhnlich Äther genannt worden; und in der Tat haben die Griechen selbst oft von „aither“ gesprochen, wovon das moderne Wort „Äther“ abgeleitet wurde.

 

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Gottfried von Purucker: Mit der Wissenschaft hinter die Schleier der Natur

Gottfried von Purucker:
Mit der Wissenschaft hinter die Schleier der Natur

ISBN 978-3-924849-34-4

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