Werke und Texte

Grundlagen der Esoterischen Philosophie

 

Die sieben Schlüssel der Weisheit

Die Esoterische Philosophie sagt, dass es sieben Lehrschlüssel zur Weisheit und für zukünftige Initiationen gibt. Was sind diese Schlüssel? Diese Schlüssel wurden die Sapta-Ratnâni, die „sieben Juwelen“, „Edelsteine“ oder „Schätze“ genannt. Sie werden wie folgt unterschieden:

1. Zyklen: das grundlegende Gesetz der sich wiederholenden Vorgänge in der Natur

… Erstens jene Tätigkeit der Natur - Natur hier in dem Sinne der absoluten, gesamten Ansammlung von allem, was ist, gebraucht, innen und außen, rückwärts und vorwärts, oben und unten, rechts und links, alles und überall –, das heißt jene Tätigkeit der Natur, die beim Menschen als Wiederverkörperung oder Reinkarnation in Erscheinung tritt. Sie kann kurz als der Wechsel seines Vehikels oder Körpers bezeichnet werden, wenn sich sein innerer Zustand oder seine innere Beschaffenheit ändert. Durch die Tätigkeit der Natur wird er schließlich genötigt, mit äußerster Kraft zu einem anderen Zustand, einer anderen Beschaffenheit und einem anderen Ort zu streben, oder er muss in diese eingehen. Was wir den Tod nennen, ist nur eine andere Form des Lebens. Das ist der erste Schlüssel. Wendet ihn in seinen sieben und verschiedenartigen Bereichen auf unsere Lehren an.

2. Karman: der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung

Der zweite Schlüssel ist die Lehre vom Handeln und der Rückwirkung auf das Handeln, Karman genannt. Wir wollen kurz erläutern, was wir meinen, wenn wir von Karman sprechen, denn es ist hier erforderlich. Wie wir wissen, ist Karman ein Sanskritwort. das von der Wurzel „kri“ abgeleitet ist. Das Zeitwort bedeutet „machen“ oder „tun“. Wenn der Wurzel „kri“ oder dem Stamm „kar“, der durch eine der Regeln der Sanskritgrammatik aus der Wurzel „kri“ entsteht, die Nachsilbe „ma“ hinzugefügt wird, haben wir das abstrakte Hauptwort Karman. Wörtlich bedeutet es „Tun“, „Machen“ und daher „Handlung“. Es ist ein technischer Ausdruck, das heißt ein Ausdruck, von dem eine ganze Reihe philosophischer Lehren abhängt.

Wir können Karman am besten von dem Standpunkt aus betrachten, dass wir es mit dem Wort „Folgen“ übersetzen, weil das Wort „Folgen“ oder das Wort „Früchte“ seine allgemeinste Anwendung im technischen Sinne der Esoterischen Philosophie zu sein scheint. Karman ist kein von einem Gott aufgestelltes Gesetz. Wir wollen uns erinnern, dass ein von Menschen geschaffenes Gesetz ein führender Grundsatz der Moral ist, der Ordnung oder des Rechts, der von einem Gesetzgeber niedergelegt wurde und verbietet, was unrecht ist, und einschärft und befiehlt, was recht ist. Karman ist nicht dieser Art. Karman ist die Gewohnheit der universalen und ewigen Natur, eine eingewurzelte, uranfängliche Gewohnheit, die sich so auswirkt, dass auf eine Handlung notwendigerweise bestimmungsgemäß ein unvermeidliches Resultat folgt, eine Rückwirkung der Natur, in der wir leben. A. P. Sinnett, einer der ersten Helfer H. P. Blavatskys, nannte es das „Gesetz der ethischen Verursachung“, eine unpassende und irreführende Bezeichnung, weil Karman vor allem mehr ist als nur ethisch, es ist sowohl spirituell als auch materiell und alles, was dazwischen ist. Es wirkt auf den spirituellen, mentalen, psychischen und physischen Ebenen. Es ist viel besser, es das „Gesetz von Ursache und Wirkung“ zu nennen, weil diese Bezeichnung allgemeiner ist, aber selbst damit wird es ganz und gar nicht zutreffend beschrieben. Der wirkliche Kern der Bedeutung dieser Lehre ist: Wenn irgendeine Wesenheit in einem Zustand verkörperten Bewusstseins handelt, errichtet sie eine unmittelbare Kette der Verursachung, die auf jeder Ebene wirkt, bis zu der sich jene Kette der Verursachung erstreckt, bis zu der sich die Kraft ausdehnt.

Menschliches Karman wird im Menschen selbst geboren. Wir sind seine Schöpfer und Erzeuger, und wir leiden auch durch dasselbe oder werden aufgrund unserer eigenen früheren Handlungen geläutert. Was ist diese Gewohnheit selbst, das Ding an sich, wie Kant gesagt hätte, diese eingewurzelte, uranfängliche Gewohnheit der Natur, die sie auf eine entstehende Ursache zurückwirken lässt? Das ist eine Frage, mit der wir uns später eingehender beschäftigen müssen. Doch wir können Folgendes sagen: Sie ist der Wille von spirituellen Wesen, die uns in vergangenen Kalpas oder großen Manvantaras vorhergingen und die jetzt Götter sind, deren Wille und Denken den Mechanismus, den Charakter und die Beschaffenheit des Universums, in dem wir leben, bestimmen und bewahren. Diese großen Wesen waren in einem früheren großen Manvantara Menschen. Es ist unsere Bestimmung, schließlich wie sie und einer der Ihrigen zu werden, wenn wir den Weg der Evolution in diesem Kalpa erfolgreich durchlaufen haben.

3. Hierarchien: der strukturelle Aufbau des Universums

Der dritte Schlüssel ist die Lehre von den sich völlig durchdringenden Wesen oder Leben, auf andere Weise die Lehre über die Hierarchien, die auch untrennbar und einander universal völlig durchdringende Ebenen oder Sphären sind. ALLES EXISTIERT IN ALLEM ANDEREN. Streng der Wahrheit entsprechend, gibt es keine absoluten Trennungen irgendwo, weder hoch noch niedrig, weder innen noch außen, weder des Guten noch des Bösen, weder oben noch unten. Im Grunde gibt es nichts als ein ewiges IST, ein ewiges JETZT. Wie die alten Stoiker so schön sagten: „Alles durchdringt völlig alles andere.“ Selbst die Luft, die wir atmen, vibriert und ist lebendig mit den mannigfaltigen Leben in ihr. Die monadischen Essenzen oder Leben sind in der Luft, die wir atmen, in unseren Knochen, in unserem Blut, in unserem Fleisch, in allem. Denkt daher darüber nach, macht das Denken frei, befreit euch selbst im Innern. Lassen wir uns von unserer Imagination forttragen zu den Wundern, die diese Schlüssel in unserem Gemüt öffnen. Ein gewissenhaftes Studium der alten Weisheit und ein reines und selbstloses Leben werden unsere unfehlbaren Führer sein.

4. Swabhâva: die innewohnende Charakteristik, die sich selbst zur Entfaltung bringt

Der vierte Schlüssel ist die Lehre von Swabhâva, die Lehre von der wesentlichen Charakteristik jeder Wesenheit, jedes spirituellen Radikals. Sie ist auch die Lehre von der Selbsthervorbringung oder dem Selbstwerden in der Manifestation und bestätigt so die eigene Verantwortlichkeit in und für sich selbst. Das ist der am schwersten verständliche und mystischste der vier bis jetzt erwähnten Schlüssel, denn er ist tatsächlich der Schlüssel zu den drei anderen Schlüsseln!

Das Sanskritwort Swabhava hat zwei allgemeine philosophische Bedeutungen: erstens Selbst-Erzeugung, Selbst-Hervorbringung, Selbst-Werden. Die allgemeine Idee ist diese: Wenn die Natur uns ins Dasein bringt, gibt es dabei keine rein mechanische oder seelenlose Tätigkeit, denn wir brachten uns selbst hervor, in und durch und mittels der Natur, von deren bewussten Kräften wir ein Teil sind, und wir sind unsere eigenen Kinder. Die zweite Bedeutung ist, dass jede existierende Wesenheit ohne Ausnahme das Resultat dessen ist, was sie in ihrer eigenen höheren Natur ist. Sie bringt das nach außen, was sie selbst im Innern ist, nichts anderes.

5. Pravritti und Nivritti: Evolution und Involution

Das fünfte Juwel, immer aufwärts gezählt, ist die Lehre von der „Evolution“. Diese esoterische Lehre ist nicht die Lehre des Transformismus, denn das ist, genau ausgedrückt, der richtige Name für die materialistische Lehre Darwins und des Franzosen Lamarck, von dem Darwin ohne Zweifel die Idee herleitete. Evolution ist vielmehr die theosophische Lehre vom Entfalten oder Auswickeln; eine Lehre, die zusammen mit ihrer Ergänzung „Involution“ in zwei Worten ausgedrückt wird. Die beiden Sanskritworte sind erstens Pravritti, was das Nachaußenentfalten der Geistwesenheit in die Materie bedeutet oder der stofflichen Wesen in Geistwesenheiten, wie es der Fall sein mag. Das andere Sanskritwort ist Nivritti. Es bedeutet das Einhüllen der Geistwesenheiten in die Materie oder der stofflichen Wesen in Geistwesenheiten, je nachdem.

6. Amrita- und Pratyeka-Yâna: der Pfad der Unsterblichkeit und der Pfad für sich selbst

Das sechste Juwel ist die Lehre, die an dieser Stelle ebenfalls durch zwei zusammengesetzte Worte von entgegengesetztem Sinn ausgedrückt werden kann. Das erste ist Amrita-Yâna, ein Sanskritwort mit der Bedeutung „Unsterblichkeitsvehikel“, „Wagen“ oder „Träger“ oder besser „Pfad der Unsterblichkeit“, es bezieht sich auf den individuellen Menschen. Das andere Wort ist Pratyeka-Yâna, ein Sanskritwort, das (in der Umschreibung) der „Pfad jedes Einzelnen für sich selbst“ bedeutet. Es ist unmöglich, dieses zusammengesetzte Wort mit einem einzigen Wort ins Deutsche zu übersetzen. Sowohl die Idee als auch das entsprechende Wort existieren nicht im Deutschen. Annähernd lässt es sich vielleicht durch die in dem Wort Persönlichkeit verborgene theosophische Idee beschreiben. Die geheimnisvolle Beziehung der Individualität zur Persönlichkeit ist in diesen beiden zusammengesetzten „Stichwörtern“ oder technischen Begriffen eingeschlossen. Daran hängt eine ganze Lehre oder ein ganzer Bereich des Denkens der Esoterischen Philosophie. Mit ihm sind – wie auch mit dem siebenten Juwel – die Lehren der alten Weisheit in Bezug auf die verschiedenen Klassen der Monaden eng verknüpft: woher sie kamen, wie sie kamen, ja, und warum sie kamen.

7. Âtma-Vidyâ: Erkennen des Selbstes

Das letzte oder siebente Juwel, aufwärts gezählt, wird Âtma-Vidyâ genannt. Das bedeutet wörtlich das „Erkennen des SELBSTES“. Diese Zusammensetzung ist nur ein Stichwort wie die anderen auch, aber es verkörpert und verbirgt eine Lehre, die wahrhaft erhaben ist. Die hauptsächliche und wesentliche Bedeutung dieser wunderbaren Lehre, die die ganze Lehre durchzieht und ihren Grundton bildet, ist: WIE DAS EINE ZU DEN VIELEN WIRD. Dies ist das schwierigste Rätsel, das der menschliche Geist jemals zu lösen versucht hat!

Gottfried von Purucker: Grundlagen der Esoterischen Philosophie

Gottfried von Purucker:
Grundlagen der Esoterischen Philosophie

ISBN 978-3-924849-53-5

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