Werke und Texte

Geburt und Wiedergeburt

 

Die Lehre von der Wiederverkörperung in den verschiedenen Zeitaltern – Teil 2: Christentum

Die allgemeine Lehre von der Wiederverkörperung oder Reinkarnation ist unter vielen Völkern der Erde weit verbreitet. In allen Zeitaltern und in jeder Menschenrasse wurde sie in der einen oder anderen philosophischen oder religiösen Darbietung gelehrt.

Frühes Christentum

Eine der Tragödien in der Geschichte, sowohl spirituell als auch psychologisch gesehen, ist die, dass die allgemeine Lehre von der Wiederverkörperung, ob in ihrer Ganzheit, in einer oder in mehreren ihrer vielen Formen oder Phasen, aus dem Bewusstsein des Europäers verloren ging, nachdem die letzten schwachen Strahlen der Alten Weisheit tatsächlich verschwunden waren. Dieses Verschwinden ereignete sich im 6. Jahrhundert der christlichen Ära zu der Zeit, da [in Athen] die einzige noch existierende Schule der Alten Weisheit in den Mittelmeerländern durch den Erlass des Kaisers Justinian geschlossen wurde, und zwar sehr wahrscheinlich aufgrund einer Bittschrift vonseiten der wenigen noch vorhandenen Überlebenden des neuplatonischen Gedankenstromes. ...

Man möchte innehalten und überlegen, wie anders sich die religiöse Geschichte in den europäischen Ländern wohl entwickelt hätte, wenn die Lehre von der Wiederverkörperung zum Bestandteil des theologischen Systems des Christentums geworden wäre. Ihr Einfluss auf Herz und Sinn der Menschen ist so stark und infolgedessen ihre Kraft, das menschliche Schicksal zu formen, so groß, dass man glauben möchte, ein Gutteil der religiösen Geschichte des Westens wäre weit freier und mehr im Einklang mit den Intuitionen des menschlichen Geistes verlaufen, wäre dieser Einfluss vorhanden gewesen. …

Wer die europäische Geschichte von der Zeit des Unterganges des Römischen Reiches bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts studiert, kann leicht die Gründe herausfinden, die diesen Verlust zuwege brachten, und auf welche Weise er vor sich ging. Der Grund war die Tatsache, dass die Lehre von der Wiederverkörperung zu einer frühen Zeitperiode der christlichen Ära mit den sich schnell ausbreitenden religiösen Anschauungen in Konflikt geraten war oder im Gegensatz zu diesen stand, denen zufolge die menschliche Seele vom allmächtigen Gott in einem undefinierbaren Augenblick bei oder vor der physischen Geburt erschaffen worden sei. Die Folge davon war, dass die Lehre von wiederholten Wiederverkörperungen der menschlichen Seele allmählich als in Opposition und im Widerspruch stehend mit der damals herrschenden religiösen Ansicht hinsichtlich des Ursprungs der Seele betrachtet wurde. Sie wurde verspottet und verworfen, weil sie aufrichtig oder vorsätzlich – wie der Fall auch gelegen haben mag – völlig missverstanden wurde. ...

Unter den ersten Christen wurde jedoch tatsächlich eine Form metempsychosischer Reinkarnation gelehrt wie auch eine ziemlich klar dargelegte Lehre von der Präexistenz der Seele von Ewigkeit her. Der größte christliche Wortführer dieser frühen theologischen Schule, dessen literarische Werke uns in der Übersetzung oder im Original noch geblieben sind, war der große Origenes von Alexandrien. Die meisten Bezugnahmen auf den frühchristlichen metempsychosischen Glauben in Origenes' Schriften sind in seinem Werk Über die Grundprinzipien zu finden. ...

Er schrieb dort u. a.: „... so befindet sich die eine Natur jeder Seele sozusagen in den Händen Gottes, wo sie nur ein Teilchen der vernunftbegabten Wesen bildet. Gewisse Ursachen älteren Datums haben dazu geführt, dass einige Wesen zu Gefäßen der Ehre und andere zu Gefäßen der Unehre erschaffen wurden“ (Über die Grundprinzipien, Buch 111, Kapitel I, Abschnitt 21).

Der Satzteil „gewisse Ursachen älteren Datums“ im obigen Zitat ist ein klarer und deutlicher Hinweis auf ein präexistentes Leben oder präexistente Leben der Seelenwesenheiten, von denen später, wie die Esoterische Philosophie lehrt, infolge inhärenter karmischer Ursachen einige zu „Gefäßen der Ehre“ und andere zu „Gefäßen der Unehre" werden –, zumal dann, wenn außer dieser Stelle viele andere ähnliche Stellen aus Origenes' Werk hinzugezogen werden, die eindeutig die Existenz eines Wesens vor der physischen Geburt bekennen....

An anderer Stelle schrieb Origenes:

„Folglich ist jeder von denen, die zur Erde hinabsteigen, gemäß seinen Verdiensten oder übereinstimmend mit der dort eingenommenen Stellung dazu bestimmt, in dieser Welt geboren zu werden, und zwar in einem anderen Land, unter einem anderen Volk, in einer anderen Lebensart, von Unsicherheit verschiedener Art umgeben, von religiösen Eltern abstammend oder von solchen, die nicht religiös sind. So mag es manchmal geschehen, dass ein Israelit zu den Skythen hinabsteigt und ein armer Ägypter nach Judäa hinabgeschickt wird“ (Buch IV, Kap. 1, Abschnitt 23).

Offensichtlich ist dies eine genaue Darlegung der Lehre von der Reinkarnation, wie sie auch in modernen Zeiten verstanden wird. Auch im Neuen Testament gibt es Hinweise auf die Wiedergeburtslehre. So heißt es im Johannesevangelium: ,,Und Jesus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er ist blind geboren?“ (Johannes 9, 1–2).

Aus dieser Stelle ist klar ersichtlich, dass auch die Jünger Jesu eine sehr genaue Lehre von der metempsychosischen Reinkarnation und der ausgleichenden Vergeltung für die  „Sünden“ in einem früheren Leben im Sinne hatten, denn diese Tatsache zeigt deutlich die Frage, die sie an Jesus stellten. ...

Hieronymus, einer der orthodoxesten frühchristlichen Kirchenväter, berichtet ebenfalls über die Tatsache, dass mehr als eine christliche Sekte eine Form von Reinkarnation-Metempsychose lehrte. In einem Schreiben an Demetrias („Brief an Demetrias“), eine vornehme römische Dame, sagt er wiederum aus, dass damals an eine Form von Metempsychose oder Reinkarnation geglaubt und in einigen Körperschaften der Christen eine solche gelehrt wurde, jedoch als esoterische, traditionelle Lehre, die nur wenigen Auserwählten mitgeteilt wurde.

Mittelalterliche Ketzer

Wenn wir unseren Blick nun über eine spätere Zeit europäischer Geschichte streifen lassen, so finden wir, dass während des Mittelalters gewisse Körperschaften vorhanden waren, die an einer Art der Wiederverkörperung als an einer geheimen Lehre festhielten und sie lehrten; die Einzelheiten ihres Glaubens sind jedoch nicht mehr festzustellen. Diese unglücklichen Gruppen von „Ketzern“ wurden ihres Glaubens wegen von dem langen Arm der damaligen kirchlichen und weltlichen Behörden rigoros aufgespürt, verfolgt und bestraft.

Zu einer solchen Körperschaft gehörten die Katharer, ein Wort, das die „Reinen“ bedeutet, weil sie an die Führung eines reinen Lebens glaubten. Zu diesen Gesellschaften gehörten auch die Bogomilen in Bulgarien und Russland. Dieses Wort ist ein altslawischer Ausdruck, der wahrscheinlich die „Auserwählten Gottes“ bedeutet. Ihr Verbrechen scheint darin bestanden zu haben, dass sie mehr das liebten, was sie für die Dinge Gottes erachteten, als die Dinge der Welt. Möglicherweise hielten die beiden letztgenannten Gesellschaften eine Form der allgemeinen Lehre von der Wiederverkörperung lebendig, die wesentlich früher gelehrt wurde als das einstmals weitverbreitete, volkstümliche manichäische Glaubenssystem.

Noch später trat in Europa der unglückliche Neuplatoniker Giordano Bruno (1548–1600) auf. Es ist sehr gut möglich, dass auch der Wissenschaftler und mystische Philosoph van Helmont aus Holland (1578–1644) an eine Form der Reinkarnation geglaubt hat. Und noch später scheint der berühmte schwedische Denker und Mystiker Swedenborg (1688–1772) die Lehre von der Wiederverkörperung der Seele angenommen zu haben, und zwar in einer nach seinen eigenen Ideen modellierten Form.

Deutsche Klassiker

Im neuzeitlichen Deutschland lehrten Goethe, Lessing und Herder ebenfalls die Reinkarnation, doch so, wie sie diese verstanden. Lessing schrieb: „Dieses mein System ist zweifellos das älteste aller philosophischen Systeme, denn es ist in Wirklichkeit kein anderes als das von der Präexistenz und Metempsychose der Seele, die den Geist des Pythagoras und des Plato beschäftigte wie auch vor ihnen den der Ägypter, Chaldäer und Perser, kurz, den aller Weisen des Ostens. Allein diese Tatsache sollte stark zu ihren Gunsten sprechen, denn der erste und älteste Glaube ist in Bezug auf Theorien immer der wahrscheinlichste, weil der gesunde Menschenverstand direkt darauf kam" (Gotthold Ephraim Lessing: Dass mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können). ...

Wenden wir unseren Blick den vielen oberflächlich geschriebenen Seiten der Annalen der Geschichte zu und versuchen wir, die oft verwirrenden überlieferten Palimpseste der Vergangenheit zu lesen, dann ist zu sehen, ja immer deutlicher zu erkennen, dass die allgemeine Lehre von der Wiederverkörperung, je mehr wir uns den Zeiten moderner Geschichte nähern, ständig mehr entstellt und verändert wurde. Andererseits wurde die Lehre, je weiter sie geschichtlich zurückverfolgt wird, zunehmend genauer gelehrt, und sie war in zunehmendem Maße ausgedehnter über den Erdball verbreitet. In jenen vergangenen Zeiten haben die Menschen diese edle Lehre wirklich verstanden. Sie verbrachten Jahre ihres Lebens mit dem Studium der verschiedenen Bereiche sowie mit deren veröffentlichten Formulierungen. Sie wussten daher zumindest bis zu einem gewissen Grade, was sie in Wirklichkeit bedeutet. Infolgedessen erfassten sie, zu welchem ungeheuer weiten Gebiet esoterischen Wissens, das von den geheimen Mysterien der Natur handelt, diese Lehre tatsächlich der Schlüssel ist. Sie wussten auch, dass ein lebenslanges Studium deren immensen Inhalt nicht erschöpfen würde, und sie wussten ebenfalls, wie weitreichend die Weisheit und der Trost sind, die bei einem ernsten, unablässig fortgesetzten Studium in Herz und Sinn einfließen. Es war die wirkungsvollste, weil zufriedenstellendste Erklärung der Rätsel und vieler oft herzzerreißender Ungleichheiten menschlichen Lebens, die sie den weniger gebildeten und weniger intuitiven Mitmenschen geben konnten. Für diese war es eine Lehre grenzenloser Hoffnung, denn sie sahen, dass sich deren Tragweite und Bedeutung nicht nur auf die karmische Vergangenheit beziehen, sondern sich auch bis in die grenzenlosen Gefilde der Zukunft erstrecken.

 

Zurück zu Teil 1: Altertum

 

Origenes
Origenes (185 – 254)

 

Giordano Bruno
Giordano Bruno (1548 – 1600)

 

Gotthold Ephraim Lessing
Gotthold Ephraim Lessing
(1729 – 1781)

Startseite
Impressum

Gottfried von Purucker
© Die Theosophische Gesellschaft Point Loma – Covina · Gödekeweg 8 · 30419 Hannover