Werke und Texte

Der Mensch in der Unendlichkeit

Wir sind Teil der Unendlichkeit und wir sind eingebettet in die Unendlichkeit. Dennoch können wir Unendlichkeit mit unserem endlichen Verstand nicht erfassen. In den folgenden Auszügen zeigt Prof. Dr. Gottfried von Purucker, dass Unendlichkeit eine nie endende Evolution aller Wesen einschließt, die insbesondere für uns Menschen eine spirituelle und geistige Evolution ist.

Evolvierende Seelen – I

Das Thema dieses und des folgenden Kapitels behandelt eine der wirklich wunderbarsten Lehren der Alten Weisheit oder der Esoterischen Philosophie; aber die Schwierigkeiten, die jede auch nur leidlich angemessene Darstellung derselben enthält, sind sehr groß, und zwar hauptsächlich deshalb, weil dieses Thema für westliche Gemüter so ungewöhnlich ist.

Es stimmt schon, dass jeder Teil der Menschheit Gelegenheit hat, aus seiner philosophischen oder religiösen Literatur etwas über die Ansicht der Alten in Bezug auf die Bürger oder Bewohner der sichtbaren wie auch der unsichtbaren Welten zu erfahren, doch ist eine solche Darstellung der archaischen Philosophie fast immer in hohem Grade bildhaft und so stark von orthodoxen religiösen Lehren umhüllt, dass sich das Denken um diese Formen kristallisiert hat und daher die Menschen nicht mehr bereit sind, etwas anzunehmen, was ihnen von vornherein als eine neue, ja beispiellos unerhörte Erklärung dieser philosophischen und religiösen Fragmente erscheint.

Dennoch soll ein wenn auch unvollkommener Versuch gemacht werden, die innere Bedeutung dieses Teiles der Weisheit der Zeitalter zu entschleiern. Es wäre zu wünschen, dass die Ergebnisse der in diesem und dem folgenden Kapitel enthaltenen Untersuchungen wenigstens das Material für einen Unterbau liefern, auf dem dann der Leser oder Schüler einen befriedigenderen Oberbau errichten kann, den er aus seinen eigenen Rückschlüssen gestaltet, sofern seine Aufmerksamkeit erst einmal auf die Quelle gelenkt worden ist, der er sich zuwenden kann.

Geradeso, wie eine der Fundamentallehren aller großen Weisen und Seher die Lehre von der Existenz der Hierarchien innerhalb von Hierarchien ist, welche die Struktur des Universums und der sichtbaren wie auch unsichtbaren Welten bilden, in denen diese Hierarchien von Wesen leben und wirken, genauso enthalten ihre Lehren in mehr oder weniger ausführlicher Formulierung die logische Folgerung, dass sich alle Wesen, welche diese ineinandergefügten Hierarchien bewohnen, entwickeln, wachsen und vorwärtsschreiten – eine streng logische und notwendige Folgerung. Denn nähme man ein statisches Universum an, müsste man weiter folgern, dass entweder jede hierarchische Klasse von Wesen in ihrem gegenwärtigen Zustand durch alle vergangenen Zeiten existiert hat und bis in die unendliche Zukunft so weiterexistieren wird oder dass jede Klasse dieser Wesen durch die Laune einer gänzlich außerhalb der universalen Ebene stehenden Gottheit zu irgendeiner Zeit in ihrem gegenwärtigen Zustand „erschaffen“ worden ist.

[…]

Wird von relativer Vervollkommnung gesprochen, die erreicht werden kann und zu gegebener Zeit im Verlauf der dahinrollenden Zeitalter von den sich entwickelnden Monaden auch sicherlich erreicht wird, darf der Ausdruck „Vollkommenheit“ nicht so missverstanden werden, als bedeute sie entweder statische Unbeweglichkeit nach ihrer Erlangung oder andererseits das Erreichen einer Absolutheit in evolutionärer Entfaltung, über die hinaus weitere Evolution nicht möglich ist. Das Erreichen dieses rein hypothetischen „absoluten“ Letzten ist unmöglich, weil es im Grenzenlosen nirgendwo äußerste absolute „Absoluta“ gibt. Wie könnte es solche geben? Wie kann eine sich entwickelnde Monade ein Ende erreichen, von dem aus es keinen weiteren Weg des Wachstums, keinen weiteren Fortschritt mehr gäbe? Wenn eine Monade ein absolutes und endgültiges Ende erreichen könnte, müsste sie von einem Anfang ausgegangen sein, denn eine immerwährende Ewigkeit für eine Wesenheit oder ein Ding, mit anderen Worten, ein Ding, das nach einer Richtung, der Zukunft, ewig und endlos ist, aber in der anderen, seiner Herkunftsrichtung, einen Anfang hat, ist eine logische Monstrosität. Wenn wir zum Beispiel, da wir verkörperte Monaden sind, einen Anfang hätten – von „wir“ wird hier als von dem unsterblichen monadischen Element in uns gesprochen –, wären wir aus etwas anderem als aus uns selbst hervorgegangen, aus etwas anderem als unserem Höchsten. Aber unser Höchstes ist das Höchste im Kosmos, denn dieses Höchste ist ja jenes Aggregat spirituell-göttlicher Kräfte, die logischerweise eine Einheit bilden, die das Universum belebt und mit Geist erfüllt und die sowohl nach der Vergangenheit als auch nach der Zukunft hin endlos ist und deren monadische Funken wir sind, wachsende monadische Essenzen, evolvierende und revolvierende Monaden.

[…]

In der Auffassung und Lehre der Esoterischen Philosophie ist Raum nicht eine bloße Ausdehnung materieller Dimensionen, was nur eines der Attribute der Materie darstellt, die sozusagen der Körper des Raumes ist. Raum ist viel mehr als das: Raum ist das All – was immer ist, war oder sein wird durch grenzenlose Dauer. Außerdem ist Raum, wie er von der Esoterischen Philosophie aufgefasst wird,aufgrund des eben  erwähnten Postulats von endloser Ausdehnung sowohl nach „innen“ als auch nach „außen“ und umfasst daher alles, was menschliche Intuition, wenn auch nur vage, als das grenzenlose Pleroma allen Seins oder besser aller „Seinheit“ schaut. Eingeschlossen sind die grenzenlosen Hierarchien von Welten, Ebenen und Sphären vom Göttlichen oder Übergöttlichen abwärts durch alle Zwischengrade bis hin zum Physischen und über die physische Materie hinaus als weitere Fortsetzung des räumlichen Begriffs.

Weil nun eben RAUM alles das ist, was sowohl in der Unendlichkeit als auch in der Ewigkeit vorhanden ist, kann er auch uferlose Leben-Bewusstsein-Substanz genannt werden, zugleich abstraktes Sein und alle Verursachung, auf und in dessen Gefilden durch endlose Zeit die abstrakte Ideation pulsiert, die in ihm selbst erzeugt und von ihm selbst geboren ist. Er ist DAS, von dem alles kommt, DAS, in dem alles ist und existiert, und DAS, zu dem am Ende alles zurückkehrt.
So ist Raum also alles, was ist, und daher ist die Anzahl der „Seelen“, die den Raum erfüllen und ihn im gewissen Sinne bilden, gleich dem Raum selbst grenzenlos, uferlos, ohne Anfang, ohne Ende. All die wunderbaren uns umgebenden Phänomene, die wir Menschen in dieser unserer materiellen Sphäre an dem gestirnten Himmel wahrnehmen, ja, selbst in den unendlich kleinen Welten der Atome und in allem, was dazwischen ist, sind lediglich die äußeren Ausdrücke dieser inneren kausalen Individuen, die, wie gesagt, unendlich an Zahl sind und die unendlichen Scharen oder Familien manifestierter und unmanifestierter Wesen bilden. In einem gewissen Sinne ist sogar das Atom eine „Seele“, obgleich sie natürlich weder eine menschliche Seele noch eine Tierseele, weder eine Pflanzen- noch eine Mineralseele ist, vielmehr eine atomistische Seele, und zwar aus denselben Gründen, die uns von einer Tier- oder Pflanzenseele sprechen lassen. Es ist eine atomistische Seele, weil sich ihr Bewusstseinszentrum in den atomistischen oder materiell kleinen Sphären oder Reichen manifestiert. Das physische Atom der Chemie ist nur sein physischer Körper.

Vielleicht ist es ratsam, festzuhalten, dass der anschauliche Ausdruck „Seele“, obgleich er in diesem und dem folgenden Kapitel als Bezeichnung für die Scharen oder Familien von Wesen und Wesenheiten gebraucht wird, offenbar doch vielen wohlfundierten Einwendungen ausgesetzt ist, weil die Bedeutung des Wortes „Seele“ bei den Abendländern stark gefärbt ist.  Die genauere Bezeichnung für die Individuen, die jene Scharen oder Familien zusammensetzen, ist der pythagoreische Ausdruck Monas, der in europäischen Sprachen gewöhnlich Monade geschrieben wird. Vom philosophischen Standpunkt aus liegt der Wert dieses Wortes darin, dass Individualität, auf die es hinweist, einbegriffen ist. Denn die Monaden sind klar und deutlich Individuen während der gesamten Periode ihrer manifestierten Existenzen oder Revolutionszyklen, Rotationen oder Transrotationen in einem kosmischen oder Sonnen-Manvantara. Sie können, wenn auch in etwas metaphysischer Art, als individualisierte spirituelle Tröpfchen oder „Atome“ des RAUMES angesehen werden, als Teiltröpfchen des uferlosen Ozeans räumlichen Seins.  Sie sind, kollektiv gesehen, die kausalen Agenten all der Verschiedenartigkeit des uns umgebenden Universums. In ihrer ununterbrochenen Bewegung oder unaufhörlichen Tätigkeit, sowohl kollektiv als eine Schar als auch einzeln als monadische Individuen, bilden sie nicht nur die instrumentalen und substanziellen Ursachen der Hierarchien von Welten, sondern sind diese tatsächlich.

[…]

Jede Hierarchie, jedes Universum, jeder Gott oder „Engel“, jeder Mensch, jedes Tier, jedes Atom ist nur eine vorübergehende Phase, flüchtig und ohne Dauer, wie lang ihre individuelle Existenz auch sein mag. Sie ist eine vorübergehende Phase in der ewig evolutionären Reise der betreffenden monadischen Essenzen, welche diese verschiedenen Einheiten beseelen und beleben, ein Funke der kosmischen Essenz. Jede monadische Essenz wirkt durch jenen besonderen Schleier, durch jenes besondere Gewand, das wir in seiner vergänglichen Gestalt einen Menschen nennen, ein Tier, eine Welt, eine Ebene, eine Sphäre oder ein Universum. Sie alle sind „Ereignisse“, die nach Worten des modernen philosophischen Naturwissenschaftlers in Raum-Zeit oder Zeit-Raum existieren, was in Wirklichkeit ein Kontinuum von Bewusstsein-Substanz ist.

Was bedeutet das nun alles? Es bedeutet, dass allem abstrakte Kraft oder, noch abstrakter, bewusste Bewegung zugrunde liegt: an der Wurzel, in und hinter jedem Wesen und jedem Ding, im Herzen eines jeden Dinges. Bewusstsein ist die reinste Form kosmischer Kraft – mit anderen Worten, kosmischen Geistes. Selbst die Materie ist nur ein ungeheures Aggregat monadischer Partikel, latenter, schlafender Monaden, die durch diese Materie-Phase hindurchgehen. Aber alle samt und sonders, jede einzelne von ihnen, werden sich früher oder später durch individualisiertes Handeln zum Ausdruck bringen. So werden alle sich zum Selbst-Ausdruck bringen und auf diese Weise wachsen, und jede Phase dieses evolutionären Wachstums ist ein Ereignis.

Wir leben unser kleines Leben und gehen dahin. Es ist ein Ereignis. Wir treten in ein größeres Leben ein und leben es und gehen durch Transrotationen in die nächste Phase über. Das Leben und die darauf folgende Phase sind jede für sich ein Ereignis. Wir kommen in eine noch erhabenere Phase, in unsichtbare Welten, leben dort und scheiden, und auch diese sind, als Ganzes, nur ein größeres Ereignis. So sind alle Dinge und Phasen der Dinge Ereignisse, vorübergehende Zustände, durch welche die evolvierende Wesenheit ihre Kreisläufe verfolgt. Alle diese Ereignisse umfassen daher die Gesamtheit der Abenteuer evolvierender und revolvierender Seelen oder, genauer, monadischer Zentren, Bewusstseinszentren, die aus ihrem Innern hervorbringen, was in ihnen eingeschlossen ist.

Da gibt es immer etwas Neues. Die zukünftigen Manifestationen des menschlichen Geistes sind so groß wie die Möglichkeiten der Unendlichkeit, denn sein Geist ist ein Kind des grenzenlosen Alls. Er ist daraus hervorgegangen, er ist ein Teil desselben, er kann nicht von ihm getrennt werden. Es ist er, und er ist Es. „Tat twam asi“ ist die wunderbare Weise, in der die alten Sanskrit-Schriftsteller der Hindû-Upanishaden es ausdrücken: DAS BIST DU.

Es ist zu wünschen, dass der Leser den Unterschied stets scharf und als besonders wichtig im Auge behält, den die Esoterische Philosophie zwischen dem Geist im Menschen und dem evolvierenden menschlichen Kinde dieses Geistes macht, das korrekt und genau als menschliche Seele bezeichnet wird, die ihrerseits eine Projektion der verborgenen menschlichen Monade in aktive Manifestation ist. Auf diesen Unterschied wurde bereits in früheren Abschnitten des vorliegenden Kapitels Bezug genommen oder hingewiesen, in dem mehr oder weniger definitiv gesagt worden ist, dass der Ausdruck „Seele“ so unbestimmt ist, dass man gegen seinen Gebrauch hier ein wenig protestiert hat, dass er aber dennoch, gerade weil es ein allgemein bekanntes und daher nützliches Wort ist, als generalisierender Ausdruck übernommen wurde, um die Scharen oder Familien lernender Wesenheiten zu bezeichnen, die in ihrem ungeheuren Aggregat die evolvierenden und revolvierenden Seelen bilden, die das Thema des gegenwärtigen Studiums sind.

Unter „Seelen“ verstehen wir also, wenn wir mit strikter Genauigkeit sprechen, - den unsterblichen Göttern sei Dank! - keine unsterblichen Wesenheiten oder Wesen. Unsterblich ist allein der Geist oder die monadische Essenz im Menschen. Die menschliche Seele, die, wie gerade gesagt, eine Projektion ihrer eigenen monadischen Essenz ist, ist das teilweise selbstbewusste Vehikel, das zu seiner Führung die spirituelle Erleuchtung vom Geist im Innern empfängt. Jedes menschliche Wesen als zum Teil selbstbewusstes und mehr oder weniger entsprechend denkendes Geschöpf ist eine menschliche Seele. Da aber jede menschliche Seele in ihrer gegenwärtigen Manifestation ganz augenscheinlich eine unvollkommene Wesenheit ist, so ist sie als „Seele“ nicht unsterblich. Wer wünschte es sich, so, wie er jetzt ist, in einer Unsterblichkeit der Seelen-Unvollkommenheit durch endlose Dauer fortzuleben? Der Verfasser dieses Werkes bestimmt nicht. Für ihn wäre eine solche Unsterblichkeit eine endlose Hölle. Es würde bedeuten, dass die Seele in unbegrenzter Ewigkeit existierte, relativ unveränderlich, wobei die ganze Aussicht auf ein mögliches zukünftiges Wachstum allein im Wiederholen des kleinen Entwicklungszyklus mit allen möglichen Variationen besteht, den diese Seele in dem physischen Körper durchgemacht hat, in dem sie im vorigen Leben lebte.

Doch abgesehen von allem anderen: Was wir wünschen oder nicht wünschen, hat mit Naturvorgängen wenig oder nichts zu tun. Die Natur ist in ihrem majestätischen Verfahren so unpersönlich wie das Fallen des Regens oder das Scheinen der Sonne. Es sollte darum vollkommen klar sein, dass ein unvollkommenes Wesen oder Ding die Ewigkeit hindurch mit fortgesetztem, ununterbrochenem und gewissermaßen kristallisiertem Bewusstsein ebenso wenig unsterblich sein kann – was ein offenbarer Widerspruch wäre –, wie irgendein anderer Unvollkommenheiten in sich schließender Widerspruch für immer in der Natur existieren könnte.

Unsterblichkeit in Unvollkommenheit hat keinen Platz in der ewigen Natur. Jede menschliche Seele ist eine unvollkommene Wesenheit, denn sie ist eine wachsende Wesenheit, das heißt ein lernendes, evolvierendes Wesen. Daraus sollte ganz klar hervorgehen, dass keine Unvollkommenheit das Gewand der Unsterblichkeit anlegen kann. Darum wird noch einmal wiederholt: Den unsterblichen Göttern sei Dank, dass wir wachsen, lernen und stetig fortschreiten, immer einem Ziele zu, das wir in den grenzenlosen Weiten der Natur niemals endgültig erreichen können. Denn das Erreichen eines derartigen Zieles würde das Versinken in kristallisierte Unbeweglichkeit des Bewusstseins bedeuten, was, wenn man sich das einmal klar macht, eine ebenso erschreckende Vorstellung ist, wie es auch mit unseren Instinkten für Wahrheit in Widerspruch steht. Das Unglück bei alledem ist, dass die Menschen das Universum so haben wollen, wie ihr unvollkommener Gehirnverstand meint, dass es sein müsse. Wenn das der Fall sein könnte, würde es für arrogante, zunehmende Selbstsucht, die ein typisches Attribut des niederen Teiles der menschlichen Seele ist, Unsterblichkeit geben, Unsterblichkeit für eine zusammengesetzte und tatsächlich unvollkommen entwickelte Wesenheit – ein Kompositum, das schließlich Auflösung und vorher Leiden und Schmerz erfährt.

Unser törichter, weil unentwickelter Verstand und unser hungerndes, weil unvollkommen befriedigtes Herz träumen von eigener „Unsterblichkeit“, als ob sie der größte Segen wäre, der den armseligen, irrenden, weil unvollkommenen Wesenheiten, wie die Menschen es in ihrem gegenwärtigen evolutionären Zustande ganz sicher sind, zuteilwerden könnte. Welche Unwissenheit zeigen wir Menschen, wenn wir uns in unserem gegenwärtig unvollkommen entwickelten Zustand eine durch endlose Dauer bestehende Unsterblichkeit anmaßen! Warum sollten wir unvollkommen entwickelten Menschenkinder die einzigen Ausnahmen sein in einem unendlichen Universum, das an allen Enden und auf jede mögliche Weise lehrt, dass die menschlichen Wesen als Ganzes nur eine Gruppe, eine Familie, eine Rasse sind unter unzähligen Vielheiten, zahllosen Scharen anderer Wesen und Wesenheiten, die alle wachsen, sich alle entwickeln, ja, von denen einige sogar unvergleichlich höher in entwickelnder oder evolutionärer Entfaltung stehen als wir Menschen. Warum sollten wir die einzige Ausnahme sein? Gibt es irgendetwas in der universalen Natur, was uns erlaubt, uns – als menschliche Seelen, wohlgemerkt! – diese vermutete Unsterblichkeit anzumaßen, eine Unsterblichkeit, nach der die meisten Menschen, blind wie sie sind, streben?

Andererseits ist es natürlich durchaus richtig, dass dieses Sehnen nach selbst-bewusster Fortdauer der Existenz auf einen klaren, ewig flutenden Intuitionsstrom gegründet ist, der im Herzen des Geistes in uns entspringt, unseren Gehirnverstand erreicht und ihn mit seinem heiligen Feuer berührt. Aber Fortdauer des immerwährenden Lebens, wie die Esoterische Tradition sie lehrt, ist etwas ganz anderes als die quasistatische „Unsterblichkeit“, wie dieses Wort im Abendland ausnahmslos missverstanden wird. Wenn die Esoterische Philosophie etwas mit Nachdruck lehrt, das von nichts anderem ihrer erhabenen Botschaft übertroffen wird, so ist es dies: dass LEBEN nicht nur alldurchdringend, das heißt universal ist, sondern dass jedes Wesen, jede Wesenheit und jedes Ding im grenzenlosen Raum von diesem kosmischen Leben durchdrungen und gleichzeitig auch von der Essenz dieses kosmischen Lebens selbst ist.

Doch wird der Leser dringend ersucht, den ungeheuren Unterschied zu beachten zwischen einer nicht endenden, aber sich ewig ändernden Fortdauer von Leben und Existenz und der ganz unmöglichen, weil gänzlich unnatürlichen Idee eines unveränderten oder für ewig mehr oder weniger statischen menschlichen Egos oder einer Seele, von der man annimmt, sie sei in ihren Unvollkommenheiten unsterblich. Die Sache ist die: Würde sich ein Ego nur um ein Jota verändern, so wäre es nicht mehr dasselbe Ego, sondern es wäre anders geworden. Tatsächlich ist es nämlich gerade das Ego, das selbstbewusste Zentrum, das unaufhörliche, fortgesetzte und ununterbrochene Veränderungen durchmacht.

Die unaufhörliche Fortdauer des Bewusstseins, wie die Esoterische Tradition sie lehrt, bedeutet das Aufgehen des menschlichen Egos in seinem spirituellen Ego – es bleibt also nicht das menschliche Ego, das es war – und, verbunden mit diesem „Aufgehen“, ein unaufhörliches Besserwerden. Die abendländisch gemutmaßte Unsterblichkeit würde der Sehnsucht gleichen, die ein Tier möglicherweise haben könnte, ein Tiger zum Beispiel, ewig unsterblich zu sein in seiner Tigerhaftigkeit, jagend, raubend, tötend, seinen Appetit sättigend mit dem Blut und Fleisch seiner unglücklichen Beute. Sicher würden wir Menschen in den Augen der Gottheiten als unheilige Bewohner der spirituellen Sphären betrachtet werden, wenn es uns möglich wäre, diese mit allen unseren gegenwärtigen Unvollkommenheiten zu erreichen, unseren groben, wenn nicht gar tierischen Lüsten, Trieben und Neigungen, unseren unglaublich törichten Ansichten und Vorurteilen. Fortgesetzte Unsterblichkeit für Wesen dieser Art! Wäre das nicht sogar für sie selbst eine immerwährende Hölle?

Der normale Abendländer, der durchschnittliche Okzidentale weiß gar nicht, was wahre Unsterblichkeit eigentlich ist oder was wir als nie endende Fortdauer im unaufhörlichen Wechsel des Fortschritts im kosmischen Leben gerade beschrieben haben. Es bedeutet eine ununterbrochene Fortdauer des Selbstbewusstseins des Gegenwärtigen, das zwar gegenwärtig ist, aber durch grenzenlose Zeit hindurch seine Betätigungs- und Ausdehnungsbereiche unaufhörlich erweitert. Was die Menschen ihr 'Selbst-Bewusstsein‘ nennen, ist nur ein schwächster Schimmer des Lebens und Denkens des Geistes, das heißt der Monade, die in ihm und über ihm ist. Während also diese Veränderungen an Weite und Ausdehnung weitergehen, schreiten wir fort vom geringeren Licht zum größeren, vom größeren zu einem noch glänzenderen, sodass das flackernde und unvollkommene Fünkchen, das jetzt existiert, sich mit der Zeit ausweitet zum strahlenden Glanze des Mittags – nur um in den dahinterliegenden noch größeren Glanz einzugehen.

Der Unterschied besteht also darin, dass der Abendländer, wenn auch für ihn selbst ganz unbewusst, Unsterblichkeit oder Fortdauer seiner Unvollkommenheiten wünscht, wohingegen die Esoterische Philosophie klar und deutlich zeigt, dass es gerade diese Unvollkommenheiten, diese flackernden Lichter des unvollkommenen Gemüts sind, die verlassen werden müssen, wenn man so sagen will, oder, um es wahrheitsgetreuer auszudrücken, die ins Spirituellere umgewandelt werden müssen. Der Gedanke wird wunderbar veranschaulicht, wenn die unterschiedliche Auffassung betrachtet wird, wie sie zwischen Mensch und Mensch besteht: Jeder hat einen schwachen Strahl von Selbst-Bewusstsein, doch jeder zöge seinen eigenen schwachen Strahl dem Strahl seines Bruders vor, sofern ein Austausch möglich wäre. Jeder sehnt sich nach Unsterblichkeit in seinem eigenen begrenzten Verständnis der Situation und fürchtet, sich zu verlieren, wobei er vergisst, dass er nur dann, wenn er seine eigenen Unvollkommenheiten verliert, deren Aggregat er „sein Selbst“ nennt, in etwas Größeres eingehen kann.

Gottfried von Purucker: Der Mensch in der Unendlichkeit

Gottfried von Purucker:
Der Mensch in der Unendlichkeit

ISBN 978-3-924849-34-4

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